Mit der bunten Brille neue Perspektiven entdecken

Interview mit Evi Bindrim (Geschäftsführerin) und Carmen Gundelwein (Diplom-Rehabilitationspsychologin), Paritätische Klinik Haus am Kurpark gGmbH/ Mutter-Kind-Klinik Bad Königshofen / Warum der Blick durch die bunte Brille helfen kann, Mütter wieder stark für ihre Familien zu machen

Burnout, Depression … viele denken da erst mal an gestresste Manager. Doch eine weitere Bevölkerungsgruppe steht in diesen herausfordernden Zeiten besonders unter Druck: Mütter müssen meist der immer größeren Doppelbelastung von Beruf und Familie standhalten. Nicht selten sind sie alleinerziehend oder befinden sich in schweren Lebensphasen wie Scheidung, Erkrankung, Pflege von Angehörigen und anderen Situationen. Mütter sind die Familienmanagerinnen und haben in der Regel alles im Griff. Doch wenn sie seelisch aus dem Takt kommen, gerät das ganze Familienkonstrukt aus dem Rhythmus.

Hier bietet das Paritätische Haus am Kurpark Bad Königshofen, eine Einrichtung des Müttergenesungswerks, gerade diesen jüngeren Menschen Unterstützung in jeder Lebenssituation. Ein erster Blick durch die bunte Brille beim Aufnahmegespräch hilft erste Hemmschwellen abzubauen und die Welt aus anderen Augen zu sehen.

Das engagierte Team ist auf psychosomatische Erkrankungen spezialisiert und bietet ein breitgefächertes Behandlungsspektrum für Mütter und Kinder. Schwerpunkte bilden sozialtherapeutische Angebote, Bewegung und Entspannung. Im Gespräch erklären Geschäftsführerin Evi Bindrim und Psychologin Carmen Gundelwein, warum solche Angebote immer wichtiger werden.

 

Warum ist eine Mutter-Kind-Kur wie diese sinnvoll?

Evi Bindrim: Es ist uns ein großes Anliegen, Müttern mit psychosomatischen Erkrankungen eine notwendige Auszeit zu geben. Eine klassische Reha-Maßnahme ist oft wegen der Versorgung der Kinder nicht möglich. Deshalb setzen wir mit unserer Mutter-Kind-Kur auf einen gemeinsamen Ansatz. Die Kinder sind tagsüber in unserem bewusst separaten Kinderhaus gut untergebracht. Die Mütter können sich so auf sich selbst konzentrieren und ihre innere Balance wiederfinden.

Welche Belastungen können zu psychosomatischen Erkrankungen führen?

Carmen Gundelwein: Meist sehen wir eine anhaltende Überlastung im Alltag. Hohe Verantwortung in der Familie und im Beruf, oft ergänzt durch zusätzlichen Stress wie Schicksalsschläge oder die Pflege von Angehörigen, bis hin zu Gewalt in der Familie, bringen Mütter an ihre Grenzen. Die Folgen zeigen sich häufig in depressiven Verstimmungen, Gereiztheit, Ängsten oder psychosomatischen Beschwerden wie Migräne, Schlafstörungen, Magen-Darm-Erkrankungen bis hin zu hoher Infektanfälligkeit oder Schmerzen jeglicher Art.

Wie läuft ein Aufenthalt in der Einrichtung ab?

Carmen Gundelwein: Die Mütter kommen in der Regel mit ihren bis zu zwölf Jahre alten Kindern für drei Wochen zu uns. Ziel ist es, dass sie in der Auszeit ohne Haushalt und Beruf neue Orientierung für den weiteren Lebensweg entwickeln und emotional wieder erreichbar werden. Unser multimodales Konzept für psychosomatische Beschwerden spielt in unserer harmonischen, geschützten Umgebung die entscheidende Rolle.

Evi Bindrim: Wichtig ist uns, ihnen zu vermitteln, dass es sich hierbei nicht um einen Urlaub handelt. Nachhaltige Veränderung gelingt nur, wenn die Bereitschaft da ist, sich aktiv mit der eigenen Situation auseinanderzusetzen. Dafür steht ein professionelles sozialtherapeutisches Team bereit. Unser Angebot umfasst unter anderem Bewegungsprogramme, Entspannungseinheiten, Gruppenangebote sowie Einzelgespräche bewusst im geschützten Rahmen.

Was machen die Kinder in dieser Zeit?

Evi Bindrim: Zu unserer Einrichtung gehört das einzige klangzertifizierte Kinderhaus Deutschlands. Auch die Kinder erhalten hier bei Bedarf Unterstützung. In Gesprächsgruppen lernen sie eigene Gefühle, Trennungssituationen oder psychische Erkrankungen der Eltern besser einzuordnen und zu verarbeiten.

Gibt es auch gemeinsame Aktivitäten von Mutter und Kind?

Carmen Gundelwein: Selbstverständlich gibt es gemeinsame Interaktionsangebote für Mutter und Kind. Wie zum Beispiel das Wunschkästchen, hierbei können sich beide Seiten etwas, von dem anderen, für die Zukunft wünschen. Diese Momente sind oft sehr berührend, aber auch entscheidend, um das Beziehungsmuster positiv weiterzuentwickeln, denn häufig kommen hier tiefliegende Aspekte zur Sprache.

Wie bekomme ich einen Platz für eine Mutter-Kind-Kur?

Evi Bindrim: Erstmal vornweg: Jede Mutter hat gesetzlichen Anspruch auf eine Mutter-Kind-Kur. Das ist eine gesetzliche Pflichtleistung der Krankenkasse. Die Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Therapien werden übernommen. Der erste Schritt führt zum Hausarzt, der die Kur bei der Krankenkasse beantragt. Bei den Beratungsstellen des Müttergenesungswerkes kann man sich dann eine Klinik nach Wahl aussuchen.

Wann muss ich mich anmelden?

Evi Bindrim: In der Regel können wir im Haus am Kurpark in Bad Königshofen etwa 40 Familien gleichzeitig aufnehmen. Die Plätze sind bereits zu Jahresbeginn schnell belegt. Deshalb raten wir dazu, den eigenen Unterstützungsbedarf frühzeitig wahrzunehmen und rechtzeitig Kontakt über den Hausarzt, aufzunehmen. Wer Interesse hat, erhält bei unserem Träger, dem Müttergenesungswerk, eine individuelle Beratung.

Mein Tipp: Wer möglichst rasch Hilfe und Unterstützung braucht, lässt sich auf unsere Warteliste setzen. Mit etwas Glück bekommt man dann früher als geplant einen Therapieplatz.

Was macht den Aufenthalt in Bad Königshofen so besonders?

Evi Bindrim: Unsere zentrale Lage in Deutschland macht die Einrichtung bundesweit gut erreichbar. Viele Besucherinnen berichten zudem, wie wohltuend die Umgebung im Bäderland Bayerische Rhön mit den vielen gesundheitlichen Angeboten in herrlicher Natur ist. Ein Beispiel ist nur das direkt vor unserem Haus liegende Gradierwerk, der Kurpark und die FrankenTherme.

Was ist das Besondere am Haus am Kurpark?

Evi Bindrim: Unser Mutter-Kind-Haus in Bad Königshofen ist die einzige Einrichtung mit Klinikstatus im Bäderland Bayerische Rhön. Wir sind mehrfach zertifiziert, unter anderem durch das Müttergenesungswerk, Krankenkassen wie die AOK, das Psych.Zert. sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation.

Dürfen Väter ihre Familien besuchen?

Carmen Gundelwein: Zum Schutz unserer Patientinnen sind Männer auf dem Gelände nicht zugelassen. Väter können auf Wunsch zu Besuch kommen, allerdings nur außerhalb des Hauses. Durch das großzügige touristische Angebot in Bad Königshofen mit Hotellerie, Gastronomie und Freizeitangeboten ist das einfach zu organisieren. Nicht zu vergessen: Durch den Besuch der Angehörigen tragen die Gäste wesentlich dazu bei, die regionale Hotellerie und Gastronomie zu unterstützen.

Welchen Schlussappell haben Sie für uns?

Evi Bindrim: Scheuen Sie sich nicht, als überlastete Mutter Hilfe in Anspruch zu nehmen! Die gesundheitsfördernden Angebote im Bäderland Bayerische Rhön schaffen dafür einen geschützten Rahmen. Wer sich auf die Therapie einlässt, kann in drei Wochen viel bewirken. Mütter merken bei uns schnell, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind und dass man gemeinsam Lösungen für den Alltag entwickeln kann. Hier geben wir über den Aufenthalt hinaus im Rahmen der Nachsorgebehandlung Hilfe zur Selbsthilfe an die Hand.

Carmen Gundelwein: Am schönsten ist es, wenn Kinder rufen: „Mama, du bist ja wieder richtig glücklich“. Das passiert hier oft und es zeigt mir, dass wir als Team wirklich dazu beitragen können, dass Mütter wieder in ihr seelisches Gleichgewicht finden.

Bieten Sie weiteren Bevöklerungsgruppen psychosomatische Hilfe an?

Evi Bindrim: Neben unserer Mutter-Kind-Kur bieten wir mehrfach im Jahr Schwerpunktkuren z. B. für Krebspatienten oder Trauernde an.

INFO:

PARITÄTISCHE Haus am Kurpark gGmbH
Jahnpromenade 3 | 97631 Bad Königshofen
Telefon: 09761 861
E-Mail: hausamkurpark@paritaet-bayern.de
Website: www.hausamkurpark.de

Foto: Tonya Schulz

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